Hinterfragt: Perpetuierte Fehler

Die nur 18-jährig im transnistrischen Arbeitslager verstorbene jüdische Dichterin Selma Me(e?)rbaum-Eisinger aus Czernowitz/Cern²u]i würde sich jetzt vielleicht freuen: Nicht nur über das Interesse, das Christel Wollmann-Fiedlers Buchrezension (ADZ vom 7. 2. 2024: „Nur 18 statt hundert Jahre“) zum Anlass ihres 100. Geburtstags ausgelöst hat. Sondern auch darüber, dass die folgende lebhafte Diskussion – Mails hin, Mails her, gut eine Woche lang – endlich ihren umstrittenen Namen und das in drei Versionen vorkommende Geburtsdatum richtigstellen konnte. Unsere Leser sollen es auch erfahren!

Also: Merbaum oder Meerbaum? Und woher die Diskussion um den Namen? Sie wurde losgetreten durch „Frau Tauschwitz, die behauptet, der Name wäre richtig Merbaum, sie hätte nie den Doppel- namen geführt und das bisher geführte Geburtsdatum wäre falsch“, schreibt Luzian Geier vom Bukowina-Institut Augsburg an den ukrainischen Germanisten Prof. Dr. Petro Rychlo, Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Essayist und Hochschullehrer an der Nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität in Czernowitz. Tatsächlich müsste es Meerbaum sein, so Geier, denn so hießen – aktenkundlich – mehrere Familien in Czernowitz. Sowie auch Selmas Vater, Max Meerbaum, ergänzt Rychlo. Dann lautete ihr Namen also Meerbaum – und bei ihrer Geburt noch ohne Eisinger, denn Leo Eisinger hat die Mutter des Mädchens erst nach dem Tode ihres ersten Mannes Max geheiratet, fügt dieser noch an. Aber: „Der Stiefvater von Selma hatte später das Mädchen adoptiert, sodass der Doppelname schon richtig ist.“

Trotzdem steht in Selmas Geburtsurkunde „Merbaum“ und nicht „Meerbaum“… Wie kann das sein? Nun, kennen wir das aus Rumänien nicht zur Genüge? Ein Name wird vom Standesbeamten falsch verstanden – und schon heißt das Kind Anelize statt Anneliese und der „falsche“ Name klebt an ihm lebenslänglich wie Kaugummi. Nur, dass Vornamen vergeben werden, Nachnamen aber als Nachweis einer Familienzugehörigkeit vererbt!

Ähnliches vermutet Rychlo auch in diesem Fall: Der Standesbeamte hat den Namen wohl nach dem Hörensagen eingetragen und das zweite „e“ weggelassen, schreibt er an Luzian Geier. Dieser ergänzt durch eigene Recherchen „in einem Jahrbuch aus Österreich und dem ersten Adressbuch rumänischer Zeit Anfang der 20er Jahre“: Den Namen „Merbaum“ gibt es in Czernowitz nicht – und zwar nirgendwo. „Nirgends erscheint Meerbaum mit einem e, auch nicht in den Czerowitzern Vorstädten.“ Also ist diese Version ganz eindeutig falsch!

„Frau Tauschwitz will aber unbedingt den Namen durchsetzen, unter dem das Kind von einem des Deutschen nicht mächtigen Beamten (denn sonst hätte er die richtige Form ‚Meerbaum‘ gewählt) in das Registrierungsbuch der jüdischen Gemeinde eingetragen wurde, um eine große Entdeckerin zu sein“, schreibt Rychlo.

Für Verwirrung nach Erscheinen des ADZ-Artikels sorgte aber auch das Geburtsdatum. „Lese den Bericht über Selma Meerbaum-Eisinger“, schreibt mir eine  Germanistin. „Meines Wissens ist sie am 15. 8. 1924 und nicht am 5. 2. 1924 geboren. Merkwürdig!“ Und: „In vielen Quellen steht der 15. 8. als Geburtsdatum. In einer habe ich 5./15. 8. gefunden.“ Auch Wikipedia nennt den 5.2. – aber auch Wikipedia hat nicht immer recht.

Rychlo stellt dazu endgültig klar: „Das Geburtsdatum von Selma Meerbaum-Eisinger, der 5. Februar 1924, ist richtig, das hatte seinerzeit das Bukowina-Zentrum nach der offiziellen Anfrage des Staatlichen Archivs des Gebiets Czernowitz bestätigt bekommen.“ Und: „Das bei Jürgen Serke in der deutschen Erstausgabe angeführte Datum – der 15. August 1924 –  ist falsch, das habe ich bereits in meiner ukrainischen Ausgabe der Gedichte Selmas (2012) verbessert.“

So kommt es also, dass in den vor 2012 erschienenen Werken über Selma Meerbaum-Eisinger noch bisweilen das falsche Datum steht. Und der Fehler weitergeschleppt wird… Das Beispiel verdeutlicht, wie hartnäckig sich einmal gemachte Fehler oft halten. Genau wie das Gerücht, Spinat sei extrem eisenhaltig, das tatsächlich auf einem Kommafehler beruht. Generationen von Kindern mussten darunter leiden.

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