Urgestein verlässt den HSV und spricht über Hass-Botschaften von Ultras

Urgestein verlässt den HSV und spricht über Hass-Botschaften von Ultras

Mehr als 500 Heimspiele gehören ebenso zu seiner Amtszeit wie der Umbau des Volksparkstadions, die WM 2006, Konzerte von Weltstars sowie Begegnungen mit Legenden. In seine 27 Jahre lange Ära beim HSV fällt aber auch ein sehr dunkles Kapitel. Im Frühjahr 2018 sah Kurt Krägel plötzlich sein Konterfei auf Bannern auf der Nordtribüne. „Kurt K. der verlängerte Arm der Polizei“, hieß es dort etwa. Oder: „Hausverbotler rein – Krägel raus.“ Es waren Botschaften des Hasses – über die der scheidende Stadionchef nun gesprochen hat.

Mehr als ein Vierteljahrhundert lang besaß Krägel im Volkspark diesen Berufstitel, seitdem er im April 1997 vom ehemaligen Präsidenten Uwe Seeler sowie von Ex-Geschäftsführer beziehungsweise -Vorstandschef Werner Hackmann eingestellt worden war. „Ich hatte das Glück, sie als Vorgesetzte zu haben. Sie haben mir Tür und Tor geöffnet“, erinnert sich Krägel im Vereinspodcast „Pur der HSV“. Unter seiner Regie wurde die Arena zwischen 1998 und 2000 umgebaut: „Es ist ein Wahnsinn, was da passiert ist.“ Als Stadionchef erlebte er sein sportliches Highlight im September 2000 in der Champions League: „HSV – Juventus Turin: 4:4.“

Kurt Krägel erlebte als HSV-Stadionchef unschöne Phasen

Und als Fan musste er mit ansehen, wie der HSV im Frühjahr 2010 den Einzug ins Europa-League-Finale, das in Hamburg ausgetragen wurde, verpasste: „Das ist schon böse, wenn man so dicht dran ist. Als Fan träumt man das, als Arbeitgeber wünscht man es sich.“ Doch jetzt, abgesehen von seiner Rolle als Venue Director am EM-Standort in Hamburg, ist Schluss. Der 66-Jährige wurde schon am Saisonende vom Verein verabschiedet und geht in Rente. Nicht aber, ohne noch mal ausführlich zurückzuschauen – auch an „Phasen, die nicht ganz so schön waren“, sagt er.

Kurt Krägel war 27 Jahre lang Stadionchef beim HSV.
WITTERS

Kurt Krägel war 27 Jahre lang Stadionchef beim HSV.

„Als HSV-Fan dachte ich: Es gibt kein Morgen mehr“, berichtet Krägel vom 12. Mai 2018. Es war der Tag, an dem der HSV mit 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach gewann – aber dennoch abstieg. Erstmals in der Vereinsgeschichte. „Als ich dann morgens aufgewacht bin, habe ich gedacht: ‚Es geht doch weiter, welch Wunder.‘ Und es ging weiter, das Arbeiten hat auch in der Zweiten Liga Spaß gemacht.“ Doch die bis dato letzte Bundesligapartie des HSV wirkte nach, hat sich auch in Krägels Kopf verfestigt – auch wegen der bedauerlichen Geschehnisse in der eigenen Arena.

So erlebte Krägel das Chaos beim letzten Bundesliga-Spiel

„Wir wollten keine unschönen Bilder haben, die durch die Medien gehen“, erzählt Krägel. Doch es gab sie. Wenige Minuten vor dem geplanten Abpfiff warfen ein paar wenige Anhänger von der Nordtribüne aus Rauchbomben auf den Platz und zündeten Pyrotechnik. Sogar eine Reiterstaffel kam auf den Rasen. Die Partie wurde für zehn Minuten unterbrochen und wäre im Chaos beinahe ganz abgebrochen worden. „Was mich aber überrascht hat, ist, dass das ganze Stadion skandiert hat: ‚Wir sind Hamburger und ihr nicht’“, weiß Krägel noch. „Das fand ich sehr toll, das hat mich gefreut.“ Und er glaube, dass damals auch die Unruhestifter selbst überrascht vom verbalen Gegenwind der Fan-Mehrheit im Stadion gewesen seien. „Ich denke, da haben die Protagonisten auch draus gelernt – so wie wir alle.“

Teile der aktiven Fanszene waren schon in den Wochen zuvor öffentlichkeitswirksam auf Konfrontation gegenüber Krägel gegangen. Etwa bei einem Heimspiel gegen den SC Freiburg Ende April 2018 waren auf der Nordtribüne die besagten Plakate zu sehen. „Jahre lang die Fluchtwege freigehalten – Nutz sie & hau ab“, lautete eine weitere Aufschrift. Oder: „Gegen Hausverbote – Krägel raus!“ Hintergrund dieser Ultra-Aktion war, dass Krägel in seiner damaligen Funktion als Stadionverbotsbeauftragter wenige Wochen zuvor 106 Hausverbote ausgesprochen hatte.

Krägel sprach damals Stadionverbote gegen HSV-Fans aus

Hintergrund dessen war wiederum, dass einige Zuschauer im März 2018, nach einer 1:2-Niederlage gegen Hertha BSC, versucht hatten, vor Wut die Geschäftsstelle zu stürmen. Das konnten die Sicherheitsbeamten damals gerade noch verhindern – und der HSV reagierte mit Stadionverboten für die identifizierten Fans, was schließlich die Hass-Botschaften gegen Krägel zur Folge hatte. „Ich lasse das nicht so an mich herankommen, meine Familie hat da eher drunter gelitten“, berichtet Krägel heute und erzählt von Gesprächen zwischen ihm, Ex-Vorstand Frank Wettstein, Fankultur-Vertretern und einzelnen Gruppierungen, die damals alle 14 Tage stattgefunden hätten.

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„Und dann bist du mittendrin und siehst plötzlich dein Konterfei mit dem Satz, dass du gehen sollst. Das habe ich nicht verstanden“, sagt Krägel rückblickend. „Aber ich glaube, das lag auch daran, dass man jemanden suchte, der für was auch immer den Kopf hinhalten musste – in dem Fall, weil ich davor Stadionverbote ausgesprochen hatte. Berechtigt oder unberechtigt, das sei mal dahingestellt.“ In der sportlichen Krisenzeit sei es seinerzeit so gewesen, dass beim HSV schon viele verantwortliche Personen ausgetauscht worden seien. „Da blieben nicht mehr so viele übrig. Die, die ausgetauscht hätten werden können, waren schon neu, also war ich dann dran. Aber es hat sich dann relativ schnell geregelt.“ Krägel schaut ohne Groll auf die unschöne Phase zurück. Er trägt die HSV-Fans im Herzen.

Krägel zu Verhältnis mit HSV-Ultras: „Sie akzeptieren mich“

„Die Gruppierungen akzeptieren mich, nicht persönlich, sondern in meiner beruflichen Funktion“, glaubt er und zeigt im Podcast Verständnis: „Die Gruppierungen müssen ihre Position halten und stärken und sie äußern sich dann auch entsprechend. Aber in den ganzen persönlichen Gesprächen, die ich mit denen habe und hatte, war alles auf einer Ebene. Dass man hier und da in meiner damaligen Funktion als Stadionverbotsbeauftragter negative Informationen an Personen weitergibt, das passiert. Aber ich habe immer mit denen Auge in Auge zusammengestanden und mich mit ihnen unterhalten. Auch in den schlimmsten Aktionen: Ich bin nie bedroht worden.“ Bis zuletzt. 27 Jahre lang.

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„Es gibt ein paar Sachen, die ich nicht vermissen werde“, erzählt Krägel, der nie „für die Front“ da gewesen sei und zudem „kein Mann für längere Reden“ – der sich nach erledigter Arbeit im Zuge der EM aber endgültig zurückziehen wird. „Ich freue mich, ein bisschen mehr Zeit für mich und meine Frau zu haben, mit meinen Töchtern und Enkeln mehr zu machen. Und ich werde nun Tiger Woods Konkurrenz machen.“ Krägel liebt den Volkspark – aber auch Golf.

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